Das Yerkes-Dodson-Gesetz

Mit manchen Menschen resonieren Begriffe wie „busy sein“ und „Durchbeißen“ vielleicht mehr, als mit anderen - aber gibt es eigentlich eine wissenschaftlich belegte Grenze dafür, wie viel gefühlter Druck tatsächlich produktiv ist?
Das Yerkes-Dodson-Gesetz ist ein über hundert Jahre altes Prinzip, das besagt, dass die Leistung mit der Erregung zunimmt, jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn die eigene Aktivierung zu hoch ist, nimmt die Leistung tatsächlich ab. Diese Beziehung wird oft als umgekehrte U-förmige Kurve dargestellt.
Die Wissenschaft dahinter
Dieses Gesetz, das 1908 von den Psychologen Robert M. Yerkes und John D. Dodson erstmals vorgeschlagen wurde, kann als eine umgekehrte U-förmige Kurve visualisiert werden. An einem Ende der Kurve führt geringe Aktivierung (Langeweile oder mangelnde Motivation) zu schlechter Leistung. Mit zunehmender Erregung – durch Faktoren wie ein herausforderndes Projekt oder eine knappe Frist – steigt die Leistung. Der Höhepunkt dieser Kurve ist der „Sweet Spot“ oder die "optimale Leistungszone". Jenseits dieses Höhepunktes führt jedoch übermäßige Aktivierung (z. B. chronischer Stress, Angst oder Hypervigilanz) dazu, dass die Leistung rapide abnimmt.
Eine entscheidende Nuance des Gesetzes ist, dass dieser „Sweet Spot“ kein fester Punkt ist. Er ist höchst individuell und hängt von der Komplexität der Aufgabe ab. Bei einfachen, gut geübten Aufgaben können wir unter höheren Erregungsniveaus effektiv arbeiten. Bei komplexer, kreativer oder unbekannter Arbeit ist das optimale Erregungsniveau wesentlich geringer; übermäßiger Druck führt schnell zu kognitiver Überlastung und Fehlern.
Während die Yerkes-Dodson-Kurve ein nützliches Framework bleibt, bietet ein neueres neurobiologisches Modell eine verfeinerte Sichtweise. Das Arousal-Biased Competition (ABC)-Modell von Mather und Sutherland legt nahe, dass Erregung den Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Gedächtnis verstärkt. Das bedeutet, dass die Auswirkungen der Erregung komplex und selektiv sind, anstatt immer bei einem mittleren Niveau zu einer optimalen Leistung zu führen. Erregung kann einen dominanten Gedanken oder eine Handlung verstärken, während sie andere unterdrückt – was je nach Aufgabe vorteilhaft sein kann oder auch nicht.
Das Thema greifbarer machen
Kürzlich habe ich eine Woche in Italien bei einem Training verbracht, das sich auf Resilienz und emotionale Dynamik konzentrierte. Unsere Erfahrung unterstrich, dass dies keine abstrakten Konzepte sind. Wir lernten, wie man sie für Einzelpersonen und Gruppen greifbar macht, indem wir praktische Werkzeuge an die Hand bekamen, um die emotionalen Zustände, die sich direkt auf die Leistung auswirken, zu erkennen, zu verstehen und zu steuern.
Flow finden und Überforderung vermeiden
Der Schlüssel zur Anwendung des Yerkes-Dodson-Gesetzes liegt in emotionaler Intelligenz und Selbstregulation. Das bedeutet, den eigenen inneren Zustand aktiv zu überwachen und die Arbeitsgewohnheiten anzupassen, um in der optimalen Zone zu bleiben. Für Einzelpersonen kann das so aussehen:
- Unterbrechungen minimieren: Das Einplanen ungestörter „Fokuszeit“ kann kognitive Fragmentierung verhindern und dabei helfen, einen Flow-Zustand aufrechtzuerhalten, in dem man voll und ganz in eine Aufgabe vertieft ist, ohne den Stress ständiger Kontextwechsel.
- Strategische Pausen: Wenn man spürt, dass die emotionale Aktivierung zu hoch wird, kann eine kurze Pause einlegen – sei es für einen Spaziergang, eine Tasse Kaffee oder eine Achtsamkeitsübung – das hilft, sich zu regulieren und zur optimalen Zone zurückzukehren.
- Aufgabenmanagement: Das Aufteilen einer komplexen, unter hohem Druck stehenden Aufgabe in kleinere, überschaubare Schritte kann den Gesamtstress reduzieren und helfen, den Fokus zu behalten.
Führungskräfte können Teams unterstützen, indem sie:
- Emotionale Erregung und Aufgaben abstimmen: Kreative oder strategische Aufgaben zu Zeiten zuweisen, in denen die Teammitglieder weniger gestresst und fokussierter sind.
- Psychologische Sicherheit fördern: Ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeitende sich wohlfühlen, über ihre Arbeitsbelastung und ihr Stresslevel zu sprechen, ohne Angst vor Verurteilung.
- Well-being fördern: Ressourcen round um Stressmanagement und Resilienzstärkung zur Verfügung stellen
Fazit
Das Yerkes-Dodson-Gesetz ist mehr als nur ein historisches psychologisches Prinzip. Indem wir die Beziehung zwischen emotionaler Energie und Leistung verstehen, können wir bewusst unseren „Sweet Spot“ suchen und eine widerstandsfähigere und produktivere Kultur für uns selbst und Teams aufbauen. Es erinnert uns daran, dass „Spitzenleistung“ nicht bedeutet, härter zu arbeiten, sondern smarter, indem wir unsere mentale und emotionale Energie bewusst steuern.
Quellen
- Yerkes-Dodson Law and the Inverted U-Curve:
- DOI: 10.1016/j.neuroscience.2007.12.019
- Paper: Mather, M., & Sutherland, M. R. (2010). The arousal-biased competition model of memory. Perspectives on Psychological Science, 5(4), 361-387.
- https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-psych-010416-044046
- General Context & Practical Application (Emotional Regulation):
- DOI: 10.1146/annurev-psych-010416-044046
- Paper: Gross, J. J. (2015). Emotion regulation: A current perspective. Emotion, 15(5), 493–510.
- https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-psych-010416-044046